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Bedingungslose Liebe - eine Geschichte

von David Graf

John lebte seit seiner Kindheit in einem kleinen Dorf und hatte gerade die Schule abgeschlossen. Mit seinen 19 Jahren war er ein fröhlicher, junger Mann voller Möglichkeiten. Jeder kannte John. Mit seinen blonden Haaren, den vielen Sommersprossen und seinem gutmütigen Temperament war er die ganze Freude seiner Eltern. John liebte die Leute in seinem Dorf. Wo er konnte, half er mit.Aber eine Person liebte er noch mehr: Julia. Heute war ein besonderer Tag. «Seine» Julia hatte Geburtstag. Er kannte sie schon eine Ewigkeit. Mit ihren langen Haaren und den blauen Augen hatte sie John‘s Herz gewonnen. Heute Abend wollte er ihr eine besondere Freude machen. Er hatte die schönste Rose aus dem eigenen Garten geschnitten und klopfte nun nervös an ihrer Haustüre. Die Türe öffnete sich und vor ihm stand Julia. Erwartungsvoll schaute sie ihn an. John streckte ihr die Rose entgegen und lud sie zum Essen ein. Julia freute sich offensichtlich über John‘s Erscheinen und sagte zu.



Quelle Istockphoto

John genoss jede Minute in ihrer Gegenwart. Nie sollte dieses Abendessen enden. Er liess ihr an nichts fehlen. Er liebte Julia. Berge würde er versetzen, um ihr Herz für immer zu gewinnen. Schon als kleiner Junge hatte er Julia überall geholfen. Er trug ihr die Milchkanne nach Hause, half ihr bei den Hausaufgaben und beschützte sie vor den «bösen» Jungs. Nie behielt er etwas für sich, sondern teilte es mit ihr. Wenn Julia glücklich war, war er auch glücklich. Sie gehörten einfach zusammen.
 
Ein Jahr verging. John‘s Liebe zu Julia hatte nicht abgenommen – im Gegenteil. So viele Jahre waren er und Julia zusammen. Nun sah er die Zeit gekommen, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Mit mächtigem Herzklopfen kam John bei Julias Haustüre an, klingelte und wartete. Julia kam an die Tür. Sie sah umwerfend aus. Er ging auf die Knie, blickte in ihre Augen und wollte gerade zu sprechen beginnen, als er hinter Julias Kopf plötzlich das Gesicht eines anderen jungen Mannes auftauchen sah, der seinen Arm um Julias Schultern legte – Dirk.
 
Unzählige Gedanken schossen John durch den Kopf, während er Julia ungläubig anstarrte. Julias Blick versuchte John auszuweichen. Kurz und knapp murmelte sie: «Es tut mir leid, John» und liess ihn draussen stehen. An diesem Abend flossen viele Tränen über John‘s Wangen. Er konnte es einfach nicht fassen. Jahrelang hatte er alles für Julia gegeben. Warum nur wollte sie diesen Dirk und nicht ihn? Diesen Typen, der in allem nur immer sich selbst suchte. Hatte er etwas falsch gemacht?
 
John hatte Julia nie unter Druck gesetzt. Er war nie aufdringlich gewesen, hatte immer ihr Ja abgewartet, wenn er etwas mit ihr unternehmen wollte. Wie oft hatte sie ihm versichert, wie sie ihn mochte. Er verstand das alles nicht. Dennoch wollte er nicht aufgeben. Er beschloss, Julia einfach weiter zu lieben, für sie das Gute zu suchen und da zu sein, wenn sie ihn brauchte – auch wenn es noch so schmerzhaft sein sollte.
 
So akzeptierte er auch ihren Entscheid, mit Dirk zusammen sein zu wollen. Trotzdem fiel es ihm schwer, Julia nicht mehr besuchen zu können. Eines Nachts, als John bereits schlief, klopfte es heftig an die Tür. John öffnete und Julia stürzte herein. Ihr Gesicht war blutverschmiert. Dirk hatte sie geschlagen. Sorgfältig behandelte John Julia‘s Wunden und verband die geschlagenen Stellen.
 
Kurz nach dieser Begebenheit trennte sich Julia von Dirk. John‘s Hoffnungen wuchsen und er verbrachte wieder mehr Zeit mit Julia. Auch sie war dankbar. Mit ihm konnte sie über alles sprechen und ihr Herz ausschütten. Diese für John so glückliche Zeit dauerte aber nur kurz. Bald schon lernte Julia einen gutaussehenden, vermögenden Typen kennen, der ihr allerlei Dinge versprach. Julia zog in eine andere Stadt und lebte mit dem neuen Mann zusammen. John verlor Julia aus den Augen. Einige Zeit später kriegte er mit, dass Julia schwanger wurde und ihr erstes Kind kriegte. Ein zweites folgte. Dennoch schien sie nicht wirklich glücklich zu sein. Ihr Mann war viel auf Reisen und hatte auch die wenigen Male, wenn er zuhause war, keine Zeit für sie oder die Kinder.
 
John nahm dies sehr mit. Es war nicht einfach zu sehen, wie das Leben «seiner» Julia verlief. Wie gerne hätte er ihr ein anderes Leben geboten. Trotz der vielen Enttäuschungen liebte er Julia immer noch. Nachdem er ihren neuen Wohnort herausgefunden hatte, schrieb er ihr regelmässig Briefe. Lange schrieb sie nicht zurück. Eines Tages aber lag ein kleiner Brief von Julia im Briefkasten.


Es ging ihr schlecht. Ihr Mann hatte auf einer Geschäftsreise ein Verhältnis mit einer neuen Frau angefangen und sich schliesslich von Julia scheiden lassen. Julia lebte nun mit den Kindern allein in einer alten Bruchbude und hatte kaum Geld. Die Unterstützungsbeiträge vom Fürsorgeamt reichten nirgends hin und ihr «Ex» war mit den Unterhaltszahlungen monatelang im Rückstand. «Schweren Herzens» habe sie sich deshalb entschieden, John um ein bisschen Geld anzugehen.
 
Zuerst tat es ihm weh, einmal mehr einfach als Notnagel ausgenutzt zu werden. Doch John hielt an seinem Entschluss fest, für Julia da zu sein. Er schickte ihr nicht nur Geld, sondern bot ihr auch an, in ihre Nähe zu ziehen und für ihre Kinder zu sorgen. Er war bereit, sein eigenes Leben zugunsten von Julia zu verändern. Julia schätzte diese Hilfe sehr und nahm John‘s Angebot auch an. Dennoch machte sie keinerlei Anstalten, John‘s sanftes Werben um eine tiefere Beziehung zu erwidern.
 
John hatte am «Kinderhüte-Job» für Julia viel Freude. Natürlich war da immer noch der Wunsch, dass Julia seine Liebe einmal erwidern würde. Aber er drängte nicht. Er wollte einfach da sein. Julia würde irgendwann erkennen, wer sie wirklich liebt. Trotz der Fürsorge von John änderte sich im Leben von Julia wenig. Ein Mann folgte dem anderen. Sehnsüchtig nach Liebe, schien ihr John doch nicht das geben zu können, was sie sich wünschte. John machte eine harte Zeit durch. Die wechselnden Männerbeziehungen Julias und ihre bleibende Unzufriedenheit nagten an ihm. Doch was sollte er mehr tun?
 
Früh am Morgen war John wieder einmal auf dem Weg zu Julias Haus. Er wollte die Kinder abholen und einen schönen Tag mit ihnen verbringen. Doch schon von weitem sah er, dass etwas nicht stimmte. Durch die Fenster von Julia’s Haus sah man Feuer und aus dem Dach quoll dichter Rauch. Niemand schien es bisher bemerkt zu haben. Er alarmierte die Feuerwehr und ging ins Haus. Julia und die Kinder mussten noch drin sein. Der Rauch raubte ihm beinahe den Atem. Flammen schlugen ihm entgegen. Schon bald fand er die Kleinen. Wie durch ein Wunder hatten Feuer und Rauch deren Zimmer verschont. Er packte sie und brachte sie ins Freie.


Mittlerweile brannte das ganze Haus. Wo aber war Julia? John ging nochmals ins Haus und stürzte sich durch das lodernde Feuer die Treppen hinauf. Oben angekommen, brach sie hinter ihm zusammen. Wo war Julia? Er kämpfte sich von Zimmer zu Zimmer und fand sie endlich bewusstlos. Über die Treppe konnte er nicht zurück. Es blieb nur wenig Zeit. Die Feuerwehr war eingetroffen und hatte eine Leiter ausgefahren. Mit letzter Kraft hievte John Julia auf die Leiter. Sie war gerettet. Ein Balken brach ein. Das Dach brach über John zusammen. Er hatte es zwar geschafft Julia zu retten, kam aber selben in den Flammen um. Er hatte sie geliebt bis in den Tod.

Julia kam kurze Zeit später zu Bewusstsein. Sie fragte nach den Kindern und hörte, dass John alle gerettet hatte. Nun war er tot. Nie hatte er sich bei ihr beklagt oder sie beschuldigt. Er hatte sie geliebt, obwohl sie immer nur an seinen Gaben interessiert war. Und jetzt hatte er sogar sein Leben gegeben. Scham und Trauer überkam sie. Nie würde sie seine Liebe erwidern können. Es war zu spät.

Quelle: Auszug aus dem Buch "Weisst du was Liebe ist"

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